Gruppenausstellung „DIE VERBORGENE TAT“

20.08. - 02.10.2004

Bilder

Valérie Favre, Henriette Heise, Thomas Lüer, Hannes Malte Mahler, Julia Neuenhausen, Amelia Seymour, Hans Winkler

Eröffnung: Freitag, 20. August, 20:00 Uhr
Es spricht: Veronika Olbrich

Programm:
Samstag, 21. August, 15:00 Uhr: "Kaffee unter den Kastanien" mit Künstlerinnen und Künstlern der Ausstellung "Hand lesen" von Bettina Hutschek

Freitag, 24. September, 20:00 Uhr "source code": Hannes Malte Mahler - Skizzenbücher, Malbücher, Ideenbücher Dazu: Wein + Backwerk (Bitte melden Sie sich an: Tel. 0511 778929)

Öffnungszeiten: Di - Fr. 14 - 18 Uhr, So 15 - 17 Uhr
Führungen: Jeden Freitag, 18 Uhr

Die Ausstellung DIE VERBORGENE TAT versammelt sieben künstlerische Positionen, die sich in unterschiedlicher Weise mit der Wahrnehmung von unsichtbarer Wirklichkeit beschäftigen. Gemeinsam ist den gezeigten Arbeiten eine Auseinandersetzung mit innerer und äußerer Kontrolle, mit normativen Systemen und Konventionen bzw. mit ganz bewussten Verstößen gegen diese. Die gezeigten Bilder, Zeichnungen, Fotoarbeiten, Videos und Installationen korrespondieren miteinander und bilden eine spannungsreiche Assoziationskette: Dabei wird mit unserer voyeuristischen Neugier gespielt, Assoziationen zu Verbrechen geweckt und abgründige Innenwelten mit absurden Fantasien entwickelt. Tatsächliche Hintergründe bleiben jedoch spekulativ. Vielmehr wird die Frage aufgeworfen, wie gesellschaftliche Normen, Auffassungen über Gesetz und Ordnung sowie öffentliche Kontrolle tatsächlich unser individuelles, privates Handeln bestimmen. Welche Potentiale liegen im Verborgenen?

Zwei Videoarbeiten der Amerikanerin AMELIA SEYMOUR (*1970, lebt in Berlin) bilden den Auftakt der Ausstellung:"Shock, Pop, an Awe (He loves me/ he loves me not), 2003, Loop: 8' 28'' zeigt als Großprojektion einen Pop-Corn-Automaten und zahlreiche runde Gefäße, in die das Pop-Corn abwechselnd mit explosionsartigen Knallgeräuschen hineingeschleudert wird. In Korrespondenz dazu steht das Video "Home movie", 2003, Loop: 8' 28'': Zwei Polizisten versuchen mühsam, eine Wohnungstür zu öffnen. Amelia Seymour filmte die Szenen durch ein Loch in ihrer eigenen Wohnungstür, während Polizisten die Nachbarwohnung aufbrachen. In beiden Arbeiten geht es um Aspekte von Kontrolle. Jeder Ausweg scheint unmöglich: Die Polizisten gehen ihrer Arbeit als Gesetzeshüter nach, Pop-Corn wird so lange in die Schalen geschleudert, bis sie voll sind. Und trotzdem spielt in beiden Videos Zufall und Unvorhersehbares eine Rolle: Das Pop-Corn fliegt auch mal daneben, den Polizisten gelingt es trotz brachialer Gewalt und bestem Werkzeug kaum, die Tür zu öffnen.

HANNES MALTE MAHLER (*1968, lebt in Hannover) versetzt uns mit seinem Fotoleuchtkasten "Milengril", 2004, in eine Situation, die an Szenen aus Kriminalfilmen erinnert. Das Foto zeigt eine beleuchtete Grillstube bei Nacht. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir das, was darüber hinaus gemeint sein könnte: Zwei halbdunkle Fenster über der Grillstube verweisen auf eine Privatheit, in der sich in unserer Fantasie deutlich mehr abspielt, als von außen sichtbar ist. Einblicke in eines seiner zahlreichen Skizzenbücher gewährt uns Mahler mit seinen makaber comicartigen Filzstiftzeichnungen unter dem Titel "das kleine Mordbuch", die er als Schüler in großer Variantenvielfalt kreiert hat.

Als work-in-progress angelegt ist die Reihe kleiner Ölbilder unter dem Titel "Selbstmorde", 2002 - 2004, von VALÈRIE FAVRE (*1959, lebt in Berlin): Sie sind in schöner Farbigkeit pastos gemalt. Auf ihnen sind verschiedene Formen des Selbstmords abgebildet, das Erschießen und Erhängen, aber auch der Moment des Todes selbst. Mit einem tiefen Verständnis für destruktive Gelüste und verbotene Fantasien, die in jedem von uns schlummern, entwirft Favre in den Bildern keinesfalls Nabelschauen von gescheiterten Kreaturen. Vielmehr drücken sie Zustände aus, in denen Widersprüche selbstverständlich sind: Ausweglosigkeit, Abgründigkeit und Hässlichkeit einerseits und Schönheit, Selbständigkeit, Mut und Freiheit andererseits.

In ihrem Video "A room of one´s own", 2002, legt die dänische Künstlerin HENRIETTE HEISE (*1965, lebt in Kopenhagen) ausgeschnittene Papierkreise zu immer neuen Form- und Farbzusammenstellungen aneinander. Scheinbar einer inneren Gesetzmäßigkeit autistisch folgend, ordnet sie die unterschiedlich farbigen Kreise nebeneinander und übereinander, um sie anschließend wieder aufzunehmen und neu zusammen zu fügen. Ihre 9-teilige Fotoserie "Mare Street/Westgate Street" entstand 1999 in London. Von ihrem Fenster aus konnte die Künstlerin diese Straßenkreuzung gut beobachten, als die Ampeln eines Tages ausfielen. Überraschenderweise lief der Verkehr weiterhin völlig normal, obwohl die Kreuzung sehr stark befahren wurde. Erst nach fünf Tagen wurde die Ampel repariert, ohne dass sich ein Unfall ereignet hatte.

Mit einer Reihe von Outline-Zeichnungen konstruiert JULIA NEUENHAUSEN (*1965, lebt in Berlin) ein komplexes Untersuchungslabor aus verschlungenen Röhren- und Schlauchsystemen. Computergenerierte Zeichen geben Hinweise auf ihre vermeintlichen Bedeutungen. Fokussierte Detailzeichnungen ermöglichen einen Einblick in den Untersuchungsraum. Dennoch bleibt dieser Raum bewusst undefiniert. Er lässt sich als Modell interpretieren, das für den menschlichen Organismus genauso stehen kann wie für gesellschaftliche Systeme oder individuelle Denkstrukturen.

HANS WINKLER (*1955, lebt in Berlin und New York) stellt mit seinem Ensemble einer aus Holz geschnitzten bunt bemalten Tänzerfigur mit abgerochenem Arm und einer blauen Wassersprühflasche aus Plastik Beziehungen zwischen Sauberkeit und Verbrechen zur Diskussion. Eine Putzfrau hatte die wertvolle Nachbildung eines Moriskentänzers, ursprünglich von Erasmus Grasser 1480 entworfen, versehentlich fallen gelassen.

Die Toninstallation "mani pulite", 2004, von THOMAS LÜER (*1971, lebt in Frankfurt) wurde eigens neu für die Ausstellung konzipiert und lässt sich als Schlüsselwerk für die Konzeption der Ausstellung interpretieren: Die Toninstallation beschäftigt sich mit Suggestion als psychologisch wirksames Machtmittel. Mit Hilfe von gerichteten Lautsprechern werden auf zwei begrenzten Flächen im Raum die Stimmen einer Sprecherin und eines Sprechers hörbar, die jeweils abwechselnd einzelne Sätze sagen. Die dazwischen liegenden Pausen betragen 3 - 6 Sekunden. Das Gesagte stellt keinen inneren Zusammenhang dar, sondern jeder Satz gilt für sich. Nur die Stimmlage und Intensität ihres Ausdrucks erwecken in besonderer Weise unser Interesse. Dabei könnten die Textfragmente aus Horoskopen oder trivialen Ratgeberbüchern stammen: "Es gibt Grenzen, die Sie nicht überschreiten sollten. Jeder hat dafür Verständnis."

Für die großzügige Unterstützung danken wir dem Land Niedersachsen sowie Pearls Acoustic Identity, Frankfurt, den Sprechern Susanne Grawe und Goetz Bielefeldt für die Tonaufnahmen, der Fa. Sennheiser, Wedemark, für die Unterstützung der Toninstallation und PG Lab für die Unterstützung der Fotoarbeiten.


Hannes Malte Mahler: "Milengril", 2004


Hans Winkler: "Crime Museum" (Moriskentänzer), 2004