Maria Hedlund: "In den Wald hinein"

05. Mai - 28. Juni2002

Bilder

Kunstverein Langenhagen e.V.,
Walsroder Straße 91 A,
30851 Langenhagen

Eröffnung: Samstag, 04.05.2002, 20 Uhr

Begrüßung: Dr. Susanne Schott-Lemmer, Bürgermeisterin Stadt Langenhagen
Einführung: Dr. Astrid Mania, Berlin

Führung und Gespräch jeden Freitag um 18:00 Uhr.
Sonderführungen nach telefonischer Vereinbarung.

Einführung

Maria Hedlund, geb. 1961, gehört zu den bedeutenden aktuellen Fotokünstlerinnen in Schweden. Sie vertrat ihr Land bei der Sydney Biennale 1998 in Australien; ihre Arbeiten waren unter anderem 1998 in der Fotografieausstellung "Invisible Light" des Moderna Museet in Stockholm zu sehen, 2000 in der Übersichtsschau nordischer Künstler, "Organising Freedom" des Moderna Museet in Stockholm und in Kopenhagen, 2002 in "Beautiful Life" im Contemporary Art Center, Mito (Japan) sowie in "In Szene gesetzt. Architektur in der Fotografie der Gegenwart" im Museum für Neue Kunst, ZKM Karlsruhe. Nach einem Stipendium des Internationalen Atelierprogramms Künstlerhaus Bethanien in Berlin 1999/2000 und einem ISCP - International Studio and Curatorial Program in New York lebt Maria Hedlund zurzeit in Malmö (Schweden). Mit der Ausstellung beginnt der Kunstverein Langenhagen eine lose Reihe mit Ausstellungen nordischer Künstler. Die Ausstellung wird in besonderer Weise durch das Land Niedersachsen und durch IASPIS, International Artists' Studio Program in Sweden, gefördert.

Die Fotografien von Maria Hedlund beziehen ihre Spannung aus der Gegensätzlichkeit einer bildkünstlerisch ausgestalteten Oberfläche, die oftmals an abstrakte Gemälde erinnert, und der Abbildung eines ganz alltäglichen Gegenstands, der sich darunter verbirgt. Wie in Vexierbildern erschließt sich bei genauem Betrachten neben der verführerischen Oberfläche eine zweite Bildebene, auf der die Gegenstände eine überraschende Komponente offenbaren. Dazu fokussiert Maria Hedlund ihre Objekte entweder aus besonders extremer Nähe oder aus großer Distanz, stets bleiben sie aber als Dinge des täglichen Lebens erkennbar. Riesige Formate lassen den Betrachter in das Bild eintauchen, besonders kleine fordern zum genauen Hinsehen auf. Mit ihrer Arbeit lotet Maria Hedlund die Möglichkeiten des Mediums Fotografie und dessen Konstituenten aus. Ihr Interesse gilt der Dialektik von Anwesenheit und Abwesenheit, privatem und öffentlichem Raum, der Flüchtigkeit von Präsenz und ihren Spuren.

Stets sind es scheinbare Nebensächlichkeiten, denen ihre Aufmerksamkeit gilt. Nur ganz selten sind auf ihren Bildern Menschen vollständig zu sehen, Spuren verweisen aber auf ihre Gegenwart. Ihre Arbeiten klagen nicht an und verurteilen auch nicht die Defizite anderer, sondern dokumentieren Sichtweisen, die sonst im Verborgenen bleiben.

Deutlich wird dies am Beispiel der Serie "At My Home" (1997), in der sie Gegenstände in ihrer eigenen Wohnung fotografiert hat. Alles ist weiß, eine offenstehende Schranktür, die Tastatur ihres Computers oder der Schalter der Waschmaschine. Großformatig und in strenger Ausrichtung an den rechten Winkel sind die Gegenstände im quadratischen Bild festgehalten. Erst auf den zweiten Blick sind überall Schmutzreste, Fingerabdrücke und Staubränder zu sehen, Indikatoren für private Haushaltung. Die Reinheit der Formgebung steht in einem krassen Gegensatz zu dem allzu Menschlichen des täglichen Lebens.

Auf "Untitled" (1998) ist ein knallroter Sessel zu sehen. Die Perspektive und das große Bildformat laden dazu ein, es sich darauf bequem zu machen. Die verlockende Oberfläche ist jedoch trügerisch. Bei genauerem Betrachten fallen unzählige Hundehaare auf, die auf der Sitzfläche liegen.

Während diese Arbeiten im privaten Umfeld der Künstlerin entstanden sind und durchaus selbstreferentielle Anteile haben, zeigt "In the Lecture Room, National Museum" (1997) im Format 1 x 3 m einen öffentlichen Raum. Farblich aufeinander abgestimmte orange, rote und braune Flächen und geometrische Formen erinnern an eine abstrakte Bildkomposition. Sofort ist aber erkennbar, dass es sich um Rückenlehnen von Stühlen vor einer Wand handelt. Was sich allerdings als rhythmische Akzentuierung einer vermeintlich abstrakten Bildfläche darstellt, sind tatsächlich Fettflecke auf der Wand. Jahrelang hatten die Benutzer der letzten Stuhlreihen dort ihre Köpfe angelehnt.

Weder Gesicht noch Beine sind auf den großformatigen Bildern der Rückenpartien von kleinkarierten Herrenhemden aus der Serie "Untitled" (1998) zu sehen. Unklar bleibt also, wer oder was dahinter steckt. Wie bei Inversionsbildern flimmern die Muster auf den Hemden, so dass unser räumliches Sehen irritiert wird und verwirrende Effekte entstehen. Die vexierende Wirkung der Muster ist so intensiv, dass wir erst nach genauem Hinsehen einen ganz alltäglichen Gegenstand in den Hemden wieder erkennen. Für den Kunstverein Langenhagen hat Maria Hedlund eine Installation konzipiert, in der sie bisherige Überlegungen weiter entwickelt. Unter dem Titel "In den Wald hinein" kombiniert sie zwei Serien, die mit der Raumsituation des Kunstvereins arbeiten: "In den Wald hinein" (2002) besteht aus 15 Fotografien im Format 180 x 140 cm, auf denen Ärmel von gestreiften und floral gemusterten Herrenhemden dicht nebeneinander zu sehen sind So wie die Serie mit kleinkarierten Hemden Referenzen an die Op-Art der sechziger Jahre aufweisen, entstehen auch hier Flimmereffekte und optische Täuschungen. Während auf den ersten Bildern lediglich gestreifte Ärmel zu sehen sind, mischen sich in den weiteren florale Muster darunter, bis schließlich nur noch bunte großgemusterte Hemdsärmel zu sehen sind.

Fotografien aus der Serie Safari (2000) setzen die Installation fort. Während die großen Arbeiten bewusst nicht kaschiert sind und ähnlich wie Tapete unmittelbar auf der Wand angebracht werden, sind die kleinen Arbeiten aus "Safari" (2000) als Hochglanzansichten auf Aluminium kaschiert. Auf den kleinen Formaten (22 x 22 cm) sind unspektakuläre und mehr oder weniger exotische Landschaften zu erkennen. Erst bei näherem Betrachten offenbaren sie ihr eigentliches Motiv: Auf den Fotografien verbergen sich kaum sichtbar Schwärme oder Herden seltsamer Tiere.

Die Ausstellung "In den Wald hinein" entführt den Betrachter auf eine Entdeckungsreise, bei der die Frage aufgeworfen wird, was eigentlich seltsamer ist: Gewöhnliche Herrenhemden oder exotische Tiere. Der erste Eindruck ist trügerisch, denn nichts ist sicher.

Die Ausstellung ist dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

Veronika Olbrich