Isa Rosenberger: „Schöne Aussicht“

Modelle in verdichteten Räumen

1. Juni - 25. Juli 2003

Eröffnung: Sonntag, 1. Juni 2003, 11:30 Uhr
Begrüßung: Friederike Wolff, Kulturdezernentin, Stadt Langenhagen
Einführung: Veronika Olbrich, Kunstverein Langenhagen, im Gespräch mit Isa Rosenberger

Bilder

Einführung

Die in Wien lebende Künstlerin Isa Rosenberger (A/D), geb. 1969, untersucht in ihren Projekten, wie Räume durch Handeln von Menschen verändert und zu neuen Räumen konstituiert werden können: Ausgehend vom Verständnis des Raums als "ein Ort, mit dem man etwas macht" (nach: Michel de Certeau, Kunst des Handelns, Berlin, 1988), fragt Isa Rosenberger danach, wie sich Bewohnerinnen und Bewohner ihr gebautes Wohnumfeld aneignen und welche Bedeutungen sie den Räumen zuschreiben. Wie entsteht eine Identifikation mit dem geplanten und gebauten Raum und welche Utopien entwickeln Bewohnerinnen und Bewohner für "ihre" Räume?

Isa Rosenberger versteht den gebauten Raum nicht als starren Behälter, sondern im Sinne eines beweglichen Körpers, der seine Bedeutung verändern kann, indem sich unterschiedliche individuelle und gesellschaftliche Vorstellungen, Wünsche, Erfahrungen und Einflüsse verbinden und überlagern. Mit ihren Arbeiten entwirft Isa Rosenberger soziale Kartographien von Stadträumen, die durch die Sehweisen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner zwar unmittelbar geprägt sind, durch den Blick der Künstlerin jedoch wiederum aus einer anderen Rolle heraus wahrgenommen werden und damit auch zu einer veränderten Wahrnehmung der Funktionen von Räumen beiträgt.

Für ihr Video "Sarajevo Guided Tours - a journey to a real and imagined place" beispielsweise, das anlässlich ihres Stipendiums des Sarajevo Center for Contemporary Art 2001 entstand, befragte sie Bewohnerinnen und Bewohner nach den Orten, die für sie jeweils von größter persönlicher Bedeutung für ihr Leben in der Stadt Sarajevo sind. Dabei reflektierten die Interviewten ihre individuellen Erfahrungen während des Krieges oft mit. Die entstandene Arbeit ist gleichzeitig geprägt vom Blick der Künstlerin als Außenstehende und Touristin.

Das Video wurde in zahlreichen Festivals und Ausstellungen gezeigt: Unter anderem 2003 auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam, auf der Transmediale 03, Berlin, im Rahmen des Videofestivals "Es ist schwer, das Reale zu berühren" im Kunstverein München, 2002 in der Ausstellung "touristische blicke/touristic gazes" im Kunstverein Wolfsburg und 2001 bei >rotor< association for contemporary art, in Graz.

Im Schnitt-Ausstellungsraum in Köln realisierte Isa Rosenberger im Jahr 2000 ein Projekt, in dem sie ihr "Fremd-" bzw. "Nicht- Zu-Hause-Sein" thematisierte. Dabei entstand ein Videofilm und eine Serie von Wandbildern, die Einrichtungen zeigen, wie wir sie aus Möbelkatalogen kennen. Mit ihrer Arbeit fragte Isa Rosenberger danach, inwieweit "Heimat" geographisch gedacht werden kann, oder ob "Heimat" nicht vielmehr grenzüberschreitend als "eine Qualität von Aneignung der Welt durch Veränderung von Wirklichkeit" zu verstehen ist. (Eduard Führ, zit. nach Ulfert Herlyn, in: aufbau west aufbau ost, Hrsg. von Rosemarie Beier, 1997, S. 289)

Unter dem Titel "Schöne Aussicht" Modelle in verdichteten Räumen entstand für den Kunstverein Langenhagen ein Projekt, in dem Isa Rosenberger ihre Grundüberlegungen weiterentwickelt. Das Projekt beschäftigt sich mit architektonischen Modellen und den damit ursprünglich verbundenen Utopien, die durch ihre Benutzer zu neuen modellhaften Räumen konstituiert werden. Das Projekt wird im September 2003 in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig fortgesetzt.

In umfangreichen Recherchen befragte die Künstlerin in den vergangenen sechs Monaten Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Langenhagen sowie des Stadtteils Vahrenheide in Hannover danach, welche Aktivitäten sie entwickelt haben, um sich die dort geplanten und gebauten Wohnräume "anzueignen". Unter dem Schlagwort "Urbanität durch Dichte" entstand in den 60er/70er Jahren an diesen Orten eine Wohnarchitektur, durch die zukunftsweisende Formen des Zusammenlebens gefördert werden sollten. Aus heutiger Sicht wird diese Architektur eher mit sozialen Problemen in Verbindung gebracht. Dieser Sichtweise von außen widerspricht allerdings der Blick von innen.

In persönlichen Videointerviews erzählen die Bewohnerinnen und Bewohner vor der Folie der Architektur, wie sie sich in der vorgefundenen geplanten und gebauten Wohnarchitektur "heimisch" gefühlt haben und welche Veränderungen sie dazu in ihrem privaten Umfeld vorgenommen haben. Isa Rosenberger fragte außerdem danach, welche Wünsche und Utopien sie für den gebauten Raum entwickelt haben. So erzählte eine Bewohnerin des Stadtteils Vahrenheide, sie wünsche sich dringend einen Supermarkt in einem leerstehenden Stockwerk ihres Hochhauses, um nicht den mühevollen weiten Weg aufnehmen zu müssen.

In "Schöne Aussicht" Modelle in verdichteten Räumen sind die Interviews als Videofilm zu sehen, den sich die Besucher der Ausstellung von einem nachgebauten Balkon aus ansehen können. Auf Zeichnungen und Wandbildern stellt Isa Rosenberger die Utopien und Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner modellhaft dar.

Ihre Ausstellung im Kunstverein Langenhagen konzentriert sich auf den benachbarten hannoverschen Stadtteil Vahrenheide als exemplarisches Beispiel. Durch die o.g. Veranstaltungen werden unmittelbare Bezüge zu Langenhagen hergestellt. So wird etwa der Stadtbaurat Jan Sievers durch Langenhagen führen, die AWO-Vorsitzende Anneliese Rudolph und der Stadtarchiv-Mitarbeiter Horst Südkamp werden über ihr Langenhagen erzählen und in einer Graffity-Aktion können sich alle Interessierten an einer Verschönerungsaktion der Stadt beteiligen.

"Dennoch bleiben unter der produktionswütigen und universellen Schrift der Technologie undurchsichtige und eigensinnige Orte bestehen. Die Revolutionen der Geschichte, die ökonomischen Mutationen und die demographischen Vermischungen bleiben dort, übereinandergeschichtet, erhalten - eingewoben in die Bräuche, Riten und Praktiken im Raum." (Michel de Certeau, a.a.O., S. 354.)

Das Projekt wurde großzügig unterstützt durch die Kulturregion Hannover, Stiftung der Sparkasse und Region Hannover, dem Land Niedersachsen und dem Bundeskanzleramt Österreich sowie dem Aus- und Weiterbildungszentrum Fabrik Langenhagen. Der Kunstverein freut sich über seinen neuen Sponsor: LOGOPLAN Konstruktion GmbH, Langenhagen.

Termine

Montag, 16. Juni 2003, 15:00 Uhr "Die Stadt, in der wir leben"
Rundgang durch Langenhagen mit Stadtbaurat Jan Sievers
Freitag, 27. Juni 2003, 19:00 Uhr "Langenhagen, so wie es mir gefällt"
Anneliese Rudolph und Horst Südkamp erzählen
Sonntag, 29. Juni 2003, 16:00 Uhr Gespräch mit Isa Rosenberger
Dazu gibt es "Wiener Melange und Mozartkugeln"
Nach Anmeldung "Wir verschönern Langenhagen" / Graffity-Aktion
Bitte melden Sie sich bis zum 15. Juni 2003 im Kunstverein an.

Öffnungszeiten: Di. - Fr. 14:00 - 18:00 Uhr, So. 15:00 - 17:00 Uhr
Führungen: Jeden Freitag um 18:00 Uhr Für Gruppen und Schulklassen nach Vereinbarung