Tilo Schulz: "Gefährliche Liebschaften"

10. Juni - 28. Juli 2001

Kunstverein Langenhagen e.V.,
Walsroder Straße 91 A,
30851 Langenhagen

Eröffnung: Freitag, 8. Juni 2001, 20.00 Uhr.

Weitere Informationen


Installationsansicht: Tilo Schulz, "Gefährliche Liebschaften", 2001
Foto: Roland Schmidt

Langenhagen bekommt eine Kunsthalle

Nach gut einem halben Jahr Bauzeit stellt die Stadt Langenhagen dem Kunstverein eine komplett sanierte ehemalige Kegelbahn für Ausstellungen und Veranstaltungen zur Verfügung. Das Gebäude liegt im Zentrum der Stadt und befindet sich zusammen mit der städtischen Musikschule auf historischem Gelände, das mit dem Einzug des Kunstvereins gleichsam zum Stadttor für Kunst und Kultur wird.

Im 20. Jahr seines Bestehens bezieht der Kunstverein ein Domizil, das mit seinem unverwechselbaren Charakter, seiner geräumigen Ausstattung und seinen idyllischen Außenanlagen ein adäquates Aktionsfeld für Kunst und Publikum bietet. Mit dieser Investition leistet die Stadt Langenhagen einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Kunst und Kultur und ihrer Vermittlung an alle Bürger.

Zur Eröffnung seiner neuen Kunsthalle hat der Kunstverein Langenhagen den in Leipzig lebenden, international agierenden Künstler Tilo Schulz, geb. 1972, eingeladen. Tilo Schulz gehört zu einer jungen Künstlergeneration, die ihre Aktivitäten nicht allein auf eigene künstlerische Produktion beschränken: Schulz arbeitet als Künstler, Autor und Kurator. Sein Interesse gilt den Vermittlungsstrategien von Kunst und ihrer Produktion und Rezeption im institutionellen Kontext.

Kunstvermittlung auf der Metaebene

Zur Einleitung einer neuen Ära leistet der Kunstverein mit dem Projekt von Tilo Schulz auch einen Beitrag zur Reflexion der eigenen Institution. Gleichzeitig steht die Ausstellung für das Programm des Kunstvereins, der seine wichtigsten Aufgaben darin sieht, die Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Kunst zu verbessern.

Tilo Schulz setzt in seiner Arbeit Strategien von Künstlern der 1960er und 70er Jahre voraus, die sich mit Kunstwahrnehmung in Ausstellungsinstitutionen beschäftigen. Künstler wie etwa Robert Barry, Daniel Buren, Dan Graham, Christo oder Joseph Kosuth haben sich in sehr unterschiedlicher Weise mit der Isolierung, Beschreibung und Offenlegung der Strukturen und Prozesse von Kunstrezeption beschäftigt.

Während sie nach Lösungen außerhalb der Institution suchen, ordnen sie sich letztendlich wiederum dem Kunstmarkt unter.

Tilo Schulz arbeitet hingegen direkt und konstruktiv mit den Strukturen von Vermittlung. Dabei setzt er bewußt auch marktstrategische Überlegungen ein und greift Praktiken aus anderen Bereichen auf, wie der Werbung, des Design oder des Films.

Immer geht den Arbeiten von Tilo Schulz eine genaue und kritische Analyse von tatsächlich vorhandenen Strukturen voraus, um anschließend ästhetische Modelle und Handlungsmodelle zu entwerfen, die bestehende Vermittlungsansätze deuten, erweitern und erneuern.

Konkrete Kunstvermittlung

Ein Beispiel dafür ist sein Projekt im Rahmen der Neuen Messe Leipzig, bei dem er auf Defizite innerhalb des dortigen Kunstprojektes reagierte. Tilo Schulz vermittelte die ausgestellten Arbeiten anderer Künstler auf unterschiedlichen Wegen: Er führte Workshops für Schulklassen durch, veranstaltete Einführungen für die Beschäftigten der Messe, hielt Fachvorträge an der Universität und schrieb Artikel für Stadtmagazine. Gleichzeitig startete er eine Werbekampagne, um sein Programm durch Postkarten, Anzeigen und Plakate einem anonymen Publikum zugänglich zu machen.

Für eine Ausstellung im Westfälischen Kunstverein kündigte Tilo Schulz mit Postkarten und Plakaten eine Vortragsreihe an, die außerhalb der Institution stattfand und sich mit gesellschaftlichen Themen, wie etwa Frauenfußball und Cowboys beschäftigte. Damit reagierte Schulz ebenfalls auf Defizite der Institution. Ihre Zielgruppe bestand nämlich eher aus Kunstkennern, als aus kunstfernem Publikum. Gleichzeitig machte er damit deutlich, dass soziale Phänomene häufig Ausgangspunkt für künstlerische Arbeit sind.

Für sein Projekt "e.w.e - exhibition without exhibition" lud Schulz Künstler ein, eigens Arbeiten zu entwickeln, die nicht in einer Ausstellung gezeigt werden sollten. Im Mittelpunkt des Projekts stand die Vermittlung der Arbeiten während einer Vortragstournee durch verschiedene europäische Länder und Städte, durch einen Katalog, Plakate und Einladungskarten.

Allgemeine Kunstvermittlung

Im Gegensatz zur konkreten Vermittlung von Kunstwerken untersucht Tilo Schulz in dem als work-in-progress angelegten Ausstellungsprojekt "body of work: the ideal exhibition" künstlerische Medien allgemein, wie Malerei, Skulptur, aber auch Plakat und Vortrag. Für die einzelnen Medien entwirft er Raummodelle, die Strukturen des jeweiligen Mediums aufweisen und durch Originale ergänzt werden. Außerdem bietet er dem Publikum Kataloge und Infomaterial anderer Autoren auf Lesetischen an (Beisp.: Kataloge über Plakatkunst).

Für "wanted" in der Paula Böttcher Galerie, Berlin, konzipierte Schulz eine Raumgestaltung mit Tischen und Regalen, wo die Besucher der Ausstellung selbst Kataloge, Dias und anderes Material über ihren Lieblingskünstler auslegen konnten. Auch hier kommt Tilo Schulz konsequenterweise ohne Original-kunstwerke aus.

Gefährliche Liebschaften

Für die Eröffnungsschau des Kunstvereins Langenhagen hat Tilo Schulz ein Projekt entwickelt, in dem er Strategien seiner "konkreten" und "allgemeinen Kunstvermittlung" weiterentwickelt. In "Gefährliche Liebschaften" richtet er erstmals die Aufmerksamkeit insbesondere auf persönliche Erfahrungen, Gefühle und Empfindungen der Rezipienten.

So wurden in den vergangenen Wochen umfangreiche Interviews mit Personen geführt, die über ein besonderes Erlebnis mit einem Kunstwerk erzählt haben. Die Gedanken der Personen wurden von einer Journalistin protokolliert. Anschließend setzt Tilo Schulz die Texte in einem umfangreichen Raummodell grafisch um. Dort werden die Besucher unmittelbar gefordert, Texte zu entschlüsseln und Puzzles zusammenzufügen, auf denen die Kunstwerke abgebildet sind. Schließlich wirbt eine Computeranimation für die Ausstellung.

Auch bei "Gefährliche Liebschaften" kommt Tilo Schulz ohne sogenannte Originale aus. Aber was sagt uns schon ein "Original"? Unser Wissen über Kunst und wie sie nach unseren Vorstellungen auszusehen hat, entnehmen wir am wenigsten dem "Original". Das Bild, das wir von der Kunst haben, ist immer geprägt von einem Vorwissen, das wir uns durch Meinungen und Aussagen über Kunst, durch die Medien, durch Fotos, Bücher und Filme gebildet haben. Unser Kunstbegriff ist geprägt durch die vermittelnden Institutionen, die uns zeigen, wie Kunst aussieht: Sie hängt an weißen Wänden, ohne Betrachter, ausgewählt von Fachleuten und hergestellt von Künstlern, den unsichtbaren Wesen.

"Gefährliche Liebschaften" im Kunstverein Langenhagen untersucht das Verhältnis der Rezipienten zum Kunstwerk und wirft dabei auch Fragen der Autorenschaft von Kunst auf. Gleichzeitig befragt das Projekt die Rolle des Kunstvereins.

Weitere Projekte von Tilo Schulz

Tilo Schulz kuratierte 2001 für die Galerie f. zeitgenössische Kunst in Leipzig die Ausstellung "LocalMotion" über den Begriff des Lokalen, 1999 / 2000 war er Teilnehmer der Ausstellung "German open" im Kunstmuseum Wolfsburg, 1997 - 2000 setzte er das umfangreiche Projekt "e.w.e. - exhibition without exhibition" in verschiedenen europäischen Städten um. 1998 realisierte Tilo Schulz für "Manifesta 2" in Luxemburg ein Stadtprojekt. 2000 wurde er vom Westfälischen Kunstverein Münster und 1998 von der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig eingeladen, zur Neueröffnung bzw. Einführung eines neuen Programms Projekte zu realisieren.

Abbildungen weiterer Installationen

Daten

Am Freitag, dem 13. Juli, um 19 Uhr hält Tilo Schulz einen Vortrag über seine Arbeit. Öffnungszeiten: Di. - Fr. 14 - 18, So. 15 - 17 Uhr. Führungen freitags um 19 Uhr, Workshops auf Anfrage.

Die Ausstellung wird vom Land Niedersachsen, der Stadt Langenhagen, der Fabrik Langenhagen, Malermeister Volker Köhler GmbH, der Flughafengesellschaft und den Firmen Reemtsma und Minolta gefördert.

Veronika Olbrich M.A.,
Kunstverein Langenhagen,
Walsroder Straße 91 A,
30851 Langenhagen,
Tel. + Fax: 0511 778929 oder 0177 3461288
www.kunstverein-langenhagen.de mail@kunstverein-langenhagen.de
Stand: 2. Mai 2001