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Schweizer

Eröffnung: Sonntag, 10. Februar 2012, 15 Uhr

Begrüßung: Eva Schatta, 2. Vorstandsvorsitzende &
Grußwort: Laure Dréano-Mayer, Antenne Métropole
einführender Dialog: Maya Schweizer & Ursula Schöndeling

Der Kunstverein Langenhagen verwandelt sich zur Ausstellung Edith Seeshow’s Notes in ein Kino. Vier Filme der französischen Künstlerin Maya Schweizer (*1976) werden gleichzeitig im langgestreckten Ausstellungsraum zu sehen sein. Thema der Filmschau ist die Frage nach Geschichte und Erinnerung in der alltäglichen Gegenwart.

Mit ihrem Film Passing Down - Frame one ( engl. Überlieferung) widmet sich Maya Schweizer einer zentralen Form von Erinnerungspraxis und Geschichtsschreibung. Während innerhalb von Familien das Gespräch zwischen den Generationen eine geläufige Form der Überlieferung darstellt, gewann in der offiziellen Geschichtsforschung die Sicherung von Zeugenaussagen mit Film- oder Ton Interviews als sog. "oral history" erst in den vergangenen drei Jahrzehnten große Bedeutung. Mittelerweile nutzen gängige TV Formate und Filme Zeitzeugenbefragung (und darüberhinaus nachgespielte Szenen) um ein möglichst authentisches Bild der Vergangenheit zu erzeugen. Der Ausgangspunkt für Maya Schweizers Film ist ein Gespräch mit ihrer Großmutter, die 1944 als junges Mädchen mit ihrer jüdischen Familie in Lyon nur knapp der Deportation durch die Nazis entkam. 2007 befragte die Künstlerin, die heute in Berlin lebt, ihre Großmutter in Aix-en-Provencezu den damaligen Ereignissen. Die Erzählungen der Großmutter erscheinen im Film als durchlaufende Tonspur sowie ausgewählte Zitate als Texttafeln. Der Erzählfluss begleitet die Anfangsszenen, die die Situation des intimen Gesprächs zwischen den Generationen und den heutigen Wohnort der Großmutter zeigen und leitet über zu Szenen aus Schweizers Alltag in Berlin. Maya Schweizer verzichtet bewußt auf historische Rekonstruktion oder "dokumentarische" Beweißführung in Form von ausgewiesenen Personen und Orten. Sie setzt ihren zeitgenössischen Blick am Alltäglichen an und unterstreicht gerade damit das was die gängige mediale Geschichtsformate zu überspielen versuchen: die Lücke, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart klafft. Maya Schweizer nutzt dies Lücke produktiv: die Erinnerungen der Großmutter und treten in einen Dialog mit den zeitgenössischen Bildern. Ihr gelingt mit diesem Film, eine eindrucksvolle Auseinandersetzung mit dem was Überlieferung bedeuten kann: die Anwesenheit einer anderen Stimme, die von vergangenen Erfahrungen, den damit verbundenen Gefühlen und Haltungen berichtet und die Wahrnehmung des eigenen gegenwärtigen Alltag begleitet.

In drei weiteren Filmen widmet sich Maya Schweizer der Erforschung von öffentlichen Räumen. Es gelingt ihr, Spuren der Vergangenheit im Alltäglichen zu entdecken oder durch Montage einzufügen. Sie wählt historische Zusammenhänge aus, die für die gegenwärtige Situation von Bedeutung sind und sich in scheinbar unauffälligen Gesten oder in baulichen Denkmalen wiederfinden. Ihre filmischen Essays stellen somit eine künstlerische Form zeitgenössischer Geschichtsschreibung dar, die visuell argumentiert und der Beschreibung von tatsächlichen Lebensbedingungen gegenüber historischem Faktenwissen den Vorrang gibt.

Maya Schweizer (* 1976) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte in Aix-en-Provence, an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und der Universität der Künste Berlin. Zahlreiche Arbeitsaufenthalte und Stipendien führten sie nach Osteuropa, Afrika, China und die USA. 2006 gewann sie den Preis für den besten Beitrag des Deutschen Wettbewerbs bei den int. Kurzfilmtagen in Oberhausen. Einzelausstellungen u.a. 2010 im Kunstverein Münster und 3bisF Centre d´Art, Aix-en-Provence, 2011 im Kunstverein Frankfurt am Main mit Clemens von Wedemeyer. Vielfältige Beteiligungen an Gruppenausstellungen, zuletzt u.a. Die Stadt, die es nicht gibt 2012 am Ludwig Forum für internationale Kunst, Aachen sowie 2013 Zurück nach Morgen in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig.

Die Filme

Passing down, frame one
Mini DV ,10´36 min, 2007
Maya Schweizers Film nimmt die Überlieferung von Geschichte in der eigenen Familie zum Ausgangspunkt. 1944 entkam ihre Großmutter als junges Mädchen mit ihrer jüdischen Familie nur knapp der Deportation durch die Nazis. Die Künstlerin, die heute in Berlin lebt, befragte 2007 in Aix-en-Provence ihre Großmutter zu den damaligen Ereignissen. Die Erzählungen der Großmutter erscheinen in Maya Schweizers Film als durchlaufende Tonspur und ausgewählte Zitate als Texttafeln. Der Erzählfluss begleitet die Anfangsszenen, die die Situation des intimen Gesprächs zwischen den Generationen und den heutigen Wohnort der Großmutter zeigen und leitet über zu Szenen aus Schweizers Alltag in Berlin. Maya Schweizer verzichtet bewußt auf historische Rekonstruktion oder "dokumentarische" Beweißführung in Form von ausgewiesenen Personen und Orten.

Au dos de la carte postale
/ On the back of the postcard/
Auf der Rückseite der Postkarte
Filminstallation:
2 synchronisierte Video Kanäle & 1 Super 8 film transferiert auf DV,15 & 12 min, 2010
Die Kamera beobachtet, wie auf dem Platz unterhalb des Eiffelturms ein Straßenhändler seine Waren für die Touristen aufbaut. In einer Textprojektion, die parallel dazu läuft, wird die Situation aus der Perspektive von Polizisten beschrieben, die die Straßenhändler immer wieder vom Platz zu vertreiben versuchen. Der zweite Teil des Videos thematisiert die Geschichte des Pariser Wahrzeichens. Auf der Weltausstellung von 1889, für die der Eiffelturm errichtet wurde, baute man u.a. auch eine Straßensituation aus Kairo und mehrere afrikanische Dörfer nach. Die Videoinstallation verbindet Alltagszenen aus dem heutigen Paris mit einer Reflexion der Geschichte des „Menschen-Zoos“. Ein Teil des Filmtextes basiert auf dem Buch Colonising Egypt von Timothy Mitchell sowie der Dokumentation Menschenzoo von Eric Deroo.

A MEMORIAL, A SYNAGOGUE, A BRIDGE AND A CHURCH
Ein Denkmal, eine Synagoge, eine Brücke und eine Kirche

HD Video, 11 min, 2012
In diesem Film umkreist Maya Schweizer den Rybné námestie, ( Platz des Angelns / Fischens) in Bratislava. Mit dem Bau der „Neuen Brücke“ Ende der 60er Jahre wird dieser Platz völlig umgestaltet und der weitgehende Abriss damaligen Stadtviertels Podhradi begann mit dem Ziel Platz für die Zufahrtsstraßen und die Brücke selbst zu schaffen. 1969 wird auch die 1894 im Maurischen Stil erbaute und unbeschädigte Synagoge abgerissen. Ohne ersichtlichen Grund – denn die Synagoge lag nicht auf der Ebene der Brücke. Stattdessen befindet sich dort heute The Holocaust Monument, eine fünf Meter hohe Bronzestatue aus den Jahren 1996-97. Es handelt sich um einen zerbrochenen Davidstern, der mit Metallresten verschweißt ist. Eine Inschrift mahnt: Zachor - Erinnere dich! – die Skulptur wurde zum Andenken an die 70.000 deportierten und ermordeten slowakischen Juden errichtet. Hinter diesem Monument befindet sich eine Wand, auf welcher eine symbolische Abbildung der Synagoge eingraviert ist. Die Kathedrale des Heiligen Martin, auch Martinsdom genannt, befindet sich am westlichen Rand der Altstadt. Die Stadtautobahn führt wenige Meter am Dom vorbei und Vibrationen des LKW-Verkehrs auf der Rampe der nahe gelegenen Brücke bedrohen die Stabilität des Bauwerks. Im Jahr 2001 wurde die Brücke zum „Bauwerk des Jahrhunderts“ erklärt.

Die Fassade (des ehemaligen Palais de la Porte Dorée, Paris)
HD, 10 min, 2011
Der Palais de la Porte Dorée wurde 1931 nach 18-monatiger Bauzeit anlässlich der im selben Jahr stattfindenden Pariser Kolonialausstellung eröffnet. Das Flachrelief an der Fassade, ein Werk von Alfred Janniot, illustriert das Leben in den ehemaligen überseeischen Gebieten der Kolonialmacht Frankreich, wie es der offiziellen Darstellung der damaligen Zeit entsprach. Als einziges Gebäude der Ausstellung blieb das Gebäude nach Ende der Veranstaltung als Musée des colonies erhalten. Das Museum wurde 1935 in Musée de la France d'Outre-mer und schließlich, im Zuge der Dekolonisation, in Musée des Arts d'Afrique et d'Océanie (ab 1990: Musée national des Arts d'Afrique et d'Océanie) umbenannt. Die Sammlung zur afrikanischen und ozeanischen Kunst wurden ab 2002 in die des neuerrichteten Musée Branly integriert. Seit 2007 befindet sich die Cité nationale de l’histoire de L´immigration im Palais de la Porte Dorée.

Die Ausstellung und das zugehörige Vermittlungsprogramm werden ermöglicht durch die freundliche Förderung von
Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur
Antenne Métropole
Herzlichen Dank!