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Weisser

Begrüßung: Olav Raschke, Künstler
Einführung: Ursula Schöndeling, künstl. Leitung & Geschäftsführung & Annette Weisser

He had a killer body and he was an awesome dad but she was like I can't do this.
(Er hatte einen tollen Körper und er wäre ein großartiger Vater gewesen, aber sie dachte ich kann das nicht machen.)
Bei dem sperrigen und zunächst rätselhaften Titel der Ausstellung im Kunstverein Langenhagen handelt es sich um einen Gesprächsfetzen, den Annette Weisser in den USA, aufgeschnappt und in einem kurzen Prosatext verarbeitet hat. (gesamter Text hier)
Der Text aktualisiert eine Thematik, die Annette Weisser seit einigen Jahren beschäftigt.
Sie interessiert sich für Zeitsignaturen, die Haltungen und Lebenseinstellungen nachhaltig prägen ohne jedoch vollständig reflektiert oder verbalisiert werden zu können. Annette Weisser begibt sich auf „terrain vague“, unsicheren Boden, um subjektive Eindrücke zu erforschen und den Zusammenhang mit gesamtgesellschaftlich wirksamen Kräften auszuloten.

In der Ausstellung Make yourself available im Heidelberger Kunstverein umkreiste die 1968 geborene Künstlerin prägende Eindrücke ihrer Adoleszenz in der Bundesrepublik vor der Wende. Neben den für die 1980er Jahre aktuellen politischen Auseinandersetzungen um Nato-Doppelbeschluss, Waldsterben, Atomkraft und einsetzendem neoliberalem Umbau der Arbeitswelt waren Debatten um die sog. „Vergangenheitsbewältigung“ weiterhin von Bedeutung. Sie bildeten Bezugsrahmen zur Herausbildung von politischem Bewußtsein und kultureller Identität.
Im Kunstverein Langenhagen widmet sich Annette Weisser nun den Nachwirkungen traumatischer Erfahrungen als historischem Erbe.

In der neuesten Serie Geister, Gitter, Übertritte, Holzschnitte aus den Jahren 2014/15, herrscht eine Atmosphäre von düsterer Statik. Die Farben sind gedeckt, die Kontraste kaum wahrnehmbar – das Medium Holzschnitt, welches sich so sehr über den Kontrast definiert, scheint suspendiert, kippt ins Malerische. Die meisten Motive bewegen sich an der Grenze zur Abstraktion: Flüssigkeiten, die aus Öffnungen quellen, die Andeutung einer Clownsfratze, ein Chippendale-Muster, in welchem sich ein Hakenkreuz verbirgt. Ein Gespenst geistert durch die Ausstellung. Und wir begegnen einem Mädchen, das eine Schafsmaske heruntergezogen hat, die zugehörigen Schafsohren sitzen jedoch fest am Kopf.(1)

Annette Weisser befragte die Berliner Psychotherapeutin Gabriele Baring, Autorin des Buchs Die geheimen Ängste der Deutschen (2011) Info hier, zu ihren Thesen zur unbewussten Weitergabe von historischen Traumata von einer Generation zur nächsten. Gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Bindungsängsten, Beziehungsproblemen oder ungewollter Kinderlosigkeit in der Generation der in den 1960er Jahren geborenen und dem Leid bzw. der Schuld der Kriegsgeneration? Historisch verwurzelte Strategien der Selbst-Sabotage, verdeckt und überlagert von einer routinierten Buße-Rhetorik der Bundesrepublik Deutschland?

Vor diesem Hintergrund entpuppt sich der zunächst sperrige oder auch oberflächlich wirkende Gesprächsfetzen als doppelbödige Botschaft. Aus Annette Weissers Perspektive, geprägt von der spezifischen kulturellen Sozialisation, verweist der lässig dahin gesagte Satz auf eine tiefer liegende Problematik.

In Kooperation mit dem Kunstverein Heidelberg entsteht ein Katalog, der zum ersten Mal das Werk von Annette Weisser ausführlich präsentiert. Mit Texten von Ilka Becker, Chris Kraus, Maria Muhle, Susanne Weiß, Annette Weisser und Ursula Schöndeling.

(1) Die Schafsmaske zitiert J.M. Straub/ D. Huillets Bild der Schafsherde im Film Nicht versöhnt (1965), der Verfilmung des Romans Billiard um halb zehn von Heinrich Böll aus dem Jahr 1959. Info hier

Annette Weisser wurde 1968 in Villingen/Deutschland geboren und studierte Kunst und Medien in Bremen und Köln. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Los Angeles. Seit 2007 ist sie Professorin am Art Center College of Design in Pasadena, Kalifornien. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit arbeitet sie zudem als Kuratorin, Kunstkritikerin und Autorin.

Die Ausstellung wird ermöglicht durch die großzügige Förderung
des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur

Herzlichen Dank!

 

 

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