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Freiraum für Gedanken und Bauwerke

8.7. – 18.8.2018

Ganz nach der Devise „Freiraum für Alle!“ stellt der Kunstverein Langenhagen in diesem Sommer kleinen und großen Gestaltungswilligen seine Räume und Außengelände zur freien Entfaltung und Umsetzung eigener Ideen zur Verfügung. Damit transformiert der Kunstverein zum fortlaufenden Raumlabor, in dem es dieses Mal für die BesucherInnen nicht um die Interaktion mit Kunstwerken geht, sondern darum, den Raum mit eigenen Arbeiten selbst zu gestalten.

Der Kunstverein bietet hiermit Menschen aller Altersgruppen und Kulturen die Möglichkeit, selbstmotiviert aktiv und kreativ zu werden. Das Stichwort hierzu ist Selbstermächtigungen. Einige der Fragen, die im Projekt diskutiert werden sollen, sind: Was bedeutet „Freiraum“ in der heutigen Zeit, ohne in Utopien festzufahren? Wie können und wollen wir zusammenarbeiten? Was bedeutet Partizipation und Zusammengehörigkeit in einer Gruppe unterschiedlicher Menschen?

Mit einfachen Materialien, den eigenen Ideen und im guten Austausch untereinander bauen wir den ganzen Sommer in verschiedenen kostenlosen Workshops an einem gemeinsamen Raum. Nach Herzenslust darf gesägt, gehämmert, gebohrt, gebunden, gewebt, genäht und gemalert werden. Baumaterial ist vor Ort vorhanden und kann aus eigenen Kellern, Garagen oder auch spontan vom Sperrmüll mitgebracht werden. Parallel hierzu werden in den Kunstvereinsräumen und im Garten Gespräche und Diskussionsrunden organisiert, in denen wir über Freiräume, Spiel, Partizipation und Interaktion diskutieren.

Begleitet wird das Projekt von professionellen KünstlerInnen, die anders als für gewöhnlich, den Ort nicht selbst bespielen, sondern mit den ‘bauwütigen’ Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Es wird Raum gegeben zum Austausch von Ideen, zum Diskutieren, Experimentieren, Planen und Bauen und gemeinsamer Brotzeit.

Das Ausstellungskonzept des Kunstvereins Langenhagen greift damit den pädagogischen Ansatz des italienischen Architekten, Designers und Künstlers Riccardo Dalisi auf, der in den 70er Jahren mit seinen Studierenden in einem Neubaugebiet vor Neapel einen kreativen Raum außerhalb der Wände und Zwänge der Institutionen bot und den in Hochhaussiedlungen lebenden Menschen Raum zur eigenen Gestaltung ihrer Lebenswelt ermöglichte. Seine damals wie heute radikalen Prinzipien waren: keine Hierarchien zwischen Kindern und Erwachsenen oder Laien und Profis; alle Beteiligten lernen durch Erfahrung und Verwendung einfacher, alltäglicher Materialien und Techniken; freies Konstruieren und Zulassen von Zerstörung. In diesem Sinne wird es auf der FREIRAUM FÜR GEDANKEN UND BAUWERKE auferlegten Zweck geben außer dem Vergnügen, etwas zu machen und der Möglichkeit, im Prozess neues zu lernen. Wie bei Dalisi, der als einer der Hauptakteure der Anti-Design-Debatte (1960/70er Jahre) für die kreative Fähigkeit jedes einzelnen Individuums und gegen das Konsumdenken plädierte, geht es hier um Selbstermächtigung, Freiheit und Gleichheit im Tun, um ‘einfache Technik – öffentliche Teilhabe’.

Dass der Kunstverein mit seinem radikalen Konzept und Sommerprojekt die Rollen und Funktionen von KünstlerInnen, BesucherInnen, der Kunstinstitution und Kunstvermittlung hinterfragt, versteht sich von selbst.

Praktisches:

Während der Dauer des Projekts, von Sonntag, 8. Juli bis Sonntag, 19. August, ist der Kunstverein jeden Tag (Mo.- So.) zwischen 12 und 17 Uhr geöffnet. Zu diesen Zeiten kann immer gebaut, gebastelt, aber auch angeschaut werden. Die "Baustelle" steht allen offen. (Bau-)Materialien stehen zur Verfügung, eigenes Material kann gern mitgebracht werden.

Darüber hinaus werden für verschiedene Altersgruppen verschiedene Workshops organisiert. Das komplette Programm wird über Facebook, Broschüren und auf dieser Website veröffentlicht.

Die Teilnahme ist kostenlos. Sie können sich als Einzelperson und als Gruppe registrieren. Für weitere Informationen und zur Anmeldung mailen Sie an mertens@kunstverein-langenhagen.de.

Hintergrund: Riccardo Dalisi – ‘einfache Technik – öffentliche Teilhabe’ – ein radikales Vermittlungs-/Ausstellungsprogramm

Anfang der siebziger Jahre begegnet der italienische Architekt, Designer und Künstler Riccardo Dalisi in einem Randviertels Neapels den dort lebenden Kindern und gestaltet für diese und mit ihnen einen kreativen Raum außerhalb der Wände und Zwänge der Institutionen.

Dalisi war beauftragt, für das Neubaugebiet Traiano, in dem Bewohner aus Elendsvierteln ein neues Zuhause finden sollten, einen Kindergarten zu entwerfen. Seit 1957 waren dort in desolater Umgebung Sozial- und Notwohnungen für 24.000 Einwohner entstanden. Obwohl sein Entwurf nie gebaut wird, geht Dalisi - seit 1969 freier Dozent an der Facolta di Architettura dell’Ateneo Federiciano in Neapel - im Herbst 1971 erstmals mit seinen Architekturstudenten in dieses Quartier. Mit einfachen, aus Holz und Schnur angefertigten Modellen erscheinen Dalisi und die Studenten vor Ort und kommen mit den Kindern in Kontakt, die teilweise der Schule fernbleiben und häufig sich selbst überlassen sind. Innerhalb von drei Jahren bringen er und seine Mitarbeiter immer wieder neue Objekte, Materialien und Werkzeuge nach Traiano und veranstalten Workshops. Dalisi entdeckt dabei das reiche, abstrakte oder figürliche Formenvokabular, das einige Kinder fernab jedes Wissens über modernes Design oder Kunst hervorbringen.

Meistens finden diese Workshops draußen in den steinigen Zwischenräumen zwischen den Wohnblöcken statt, manchmal in einem Keller. Gute Tage wechseln mit schlechten ab, manchmal zerstören die Kinder und Jugendlichen das Geschaffene oder sind den Eindringlingen feindlich gesinnt. Im Lauf der Jahre stößt Dalisi immer wieder an seine Grenzen, einige Studenten steigen aus, andere zeigen sich resistent. Viele Kinder lassen sich jedoch mitreißen und arbeiten in Gruppen. Die Studenten, Dalisi und die Kinder inspirieren sich gegenseitig. Erwachsene werden neugierig. „Sie fügten räumliche Objekte zusammen, indem sie die Verarbeitungsweise, die sie bei den Studenten gesehen hatten, frei anwendeten: Sie behandelten die Masten, Bolzen und Schrauben gemäß einer Logik, die ich nicht für möglich hielt.“ Nach drei Jahren, Ende 1973, wirft die Verwaltungsbehörde Dalisi aus den beanspruchten Kellerräumen hinaus, womit Anfang 1974 das Experiment ein Ende findet.

Ziel von Dalisi und seiner Gruppe war es, der Bevölkerung Werkzeuge und Selbstvertrauen zu geben, um mittels einer „tecnica povera“ (einfacher Techniken und Materialien) ihre Umgebung zu gestalten und in Selbstermächtigung Design zu schaffen. Die soziale Komponente der Architektur und die Notwendigkeit, diese für die Allgemeinheit nutzbar zu machen, standen dabei im Zentrum. Dalisi notierte in sein Tagebuch: „Es ist eine Veränderung des kollektiven Bewusstseins (vom passiven Abwarten, dass der Gemeinde innewohnte) zur Tat hin.“


Isabel Nolan

30.8. – 21.10.2018


















Isabel Nolan