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Christof Zwiener
Eröffnung der Ausstellung:
11. Dezember 2008, 20 Uhr

Christof Zwieners fragile Fadenskulpturen besetzten Raum als Invasionen irritierender (Un)eindeutigkeit. Seine Arbeit „textum“ beschließt das diesjährige Jahresprogramm „Kann denn das wahr sein?“

Präzise vermisst Christof Zwiener Räume mit Garn, fügt die einzelnen Linien zu einem feinen Netz, das er in wiederum geschwärzte Strecken unterteilt. Aus den Gespinsten entwickeln sich beim Durchschreiten der Räume perspektivische Szenarien. Zeichnungen tauchen auf, verlieren sich wieder, verändern sich beständig. Ludwig Seyfahrt hat sie „als visuelle Bilder an der Grenze des Verschwindens“ beschrieben, als „Versuche, mentalen Imaginationen oder Prägungen, die man als Erinnerungsbilder bezeichnet, eine angemessene ephemere Anschaulichkeit zu verleihen.“

Tatsächlich arbeitet Christof Zwiener häufig mit Referenzen aus Kunst- und Zeitgeschichte. Die Arbeit „Starting at Zero“ im Bonner Kunstverein (2007) verwies beispielsweise auf „WTC Tapestry“, einem von Joan Miró 1974 als Auftragsarbeit gestalteten Wandteppich in der Eingangshalle des World Trade Centers. Zwieners Interesse galt in diesem Fall der Rekonstruktion von Verschwundenem, der aufflackernden Erinnerung an ein nicht mehr Fassbares, das gespenstisch zurückkehrte. Seine prekären Konstruktionen erscheinen als Erinnerungsfragmente, als eindringliches „Zwischenstadium“ auf der Kippe, als leises Verhallen eines erahnten Klangs. Die im Titel angestoßene Assoziationskette legt eine (falsche) Fährte, indem sie einen Anfangspunkt setzt. Denn er erscheint als Vexierbild eines konkreten topografischen Ortes, eines im Bewusstsein eingetragenen geschichtsträchtigen Terrains und dem Nullpunkt, als Ort der Auslöschung und des Neubeginns, an dem das Vergangene durchscheint.

Die für den Kunstverein entwickelte Arbeit „textum“ zielt auf ebendiese Verquickung von Bedeutungsebenen und reflektiert erneut die eigene künstlerische Praxis. Der Titel spielt mit der gemeinsamen Herkunft der Worte Textil und Text aus dem lat – textum, lat. Gewebe. Es sind die stofflichen wie sprachlichem Gewebe, die Zwieners Arbeit verstrickt. Stoffbahnen bilden den Hintergrund, die zweidimensionale Textur des Raumes. Ausgelöste Fäden verspannen sich davor zu dreidimensionalen Geweben, bilden neue räumliche Texturen aus, die sich mit den kulturellen Referenzen zu einem Textraum verweben, der sich beim Durchschreiten öffnen kann.

Christof Zwiener (*1972) hat von 1998 – 2004 an der HBK Braunschweig bei Prof. Raimund Kummer studiert. Einzelausstellungen im Bonner Kunstverein (2006/07) und in den Kunstvereinen Ulm (2005) und Ravensburg (2004), sowie zahlreiche Gruppenausstelllungen in Europa und Nordamerika. Zurzeit sind Arbeiten von Christof Zwiener auch in der Galerie Elly Brose-Eiermann und Sammlung Schürmann in Berlin zu sehen.

Christof Zwiener

Christof Zwiener’s space occupied by fragile string sculptures as invasions of irritating (un)ambiguousnesses. His piece “textum” concludes this year’s program “Can this be true?”

Christof Zwiener precisely measures spaces with yarn, joins the individual lines to form a fine net that he in turn subdivides into blackened routes. Perspective weavings develop while striding through the spaces. Drawings emerge, peter out, and constantly change. Ludwig Seyfahrt describes them “as visual images at the border of disappearance,” as “attempts to bestow mental imaginations or characterizations that one defines as recollective images with a suitable ephemeral clearness.”1

Christof Zwiener in fact often works with art historical and contemporary references. The piece “Starting at Zero” in the Bonn Kunstverein (2007) for example makes reference to “WTC Tapestry,” a tapestry commissioned from Joan Miró in 1974 in the entrance hall of the World Trade Center. In this case, Zwiener is interested in the reconstruction of the vanished, a flared up recollection of something that is no longer tangible which has returned in a ghostly fashion. His precarious constructions appear as fragments of memory, as a haunting “intermediate stage” on the rocks, as the quiet echo of a vaguely perceived sound. The chain of associations suggested in the title lays down (false) clues by setting an origin. It appears as a picture puzzle of a concrete topographical location, a terrain steeped in history inscribed in consciousness and as a ground zero, the place of obliteration and new beginning at which the past shines through.

The piece “textum” developed for the Kunstverein is aimed at this very fusion of levels of meaning and again reflects upon his own artistic practice. The title plays with the common etymology of the words textile and text from the Latin word “textum” meaning “woven fabric.” It is the material as well as linguistic fabric that Zwiener’s piece enmeshes. Panels of fabric form the background, the two-dimensional texture of the space. Unrestricted threads are braced in front of it forming three-dimensional textiles, form new spatial textures that interweave with the cultural references into a textual space that can open up while striding through it.

Christof Zwiener (born 1972) studied from 1998 to 2004 at the HBK Braunschweig under Prof. Raimund Kummer. Solo exhibitions in the Kunstvereins in Bonn (2006/07), Ulm (2005) and Ravensburg (2004) as well as numerous European group exhibitions. Christof Zwiener’s works can presently also be seen in the Galerie Elly Brose-Eiermann and the Schürmann Collection in Berlin.

1) Ludwig Seyfahrt in “Starting at Zero,” Bonner Kunstverein, 2007