Westdeutscher Pavillon
Altstadt von Sophia Havanna Huth (Courtesy Sophia Havanna Huth)
Was war Westdeutschland? Dieses bohnenförmige Gebilde in der Quetschzone des kalten Krieges?
Während man die Geschichte der DDR unter schmissigen Titeln erzählt – „Das andere Deutschland“ – erscheint die westdeutsche Nachkriegsrealität oft als Selbstverständlichkeit. Dabei handelte es sich bei der BRD um eine nicht weniger exotische, historische Unwahrscheinlichkeit. Nach dem Abgrund der Shoah und dem Totalversagen einer Gesellschaft musste es weitergehen. Unwahrscheinlich war der amerikanische Freund und sein Geschenk der Freiheit in Form von Pop und Pepsi, der gespielten Jugendrebellion und eines soliden Atomschutzschilds. Überhaupt die wohlwollenden Nachbarn, die dem Wirtschaftswunder freundlich zusahen und fleißig Autos aus Wolfsburg kauften.
Die Wahrheit der westdeutschen Kultur trägt Namen wie Thomas Gottschalk oder Inge Meisel, so ehrlich muss man sein. Sie sind ebenso unwahrscheinlich, aber so viel uninteressanter als zum Beispiel der Kunststoffdübel, den Artur Fischer 1957 in Tumlingen erfand. Von der bestechenden Funktionalität dieses Dübels oder der Eleganz, die Dieter Rams einer schlichten Kaffeemaschine abtrotzte, kommt man nämlich ohne weiteres auch zu Kraftwerk, Rainer Fassbinder, Alexander Kluge und zur Kunst von Reinhard Mucha oder Katharina Sieverding. Tatsächlich gelang es der „Westkunst“ ja immer wieder, die Unwahrscheinlichkeit in eine einzigartige Sensibilität zu transformieren. Glamour kann man es nicht nennen, aber diese Mischung aus unverhofftem Aufbruch und angebrachter Verdruckstheit, die sich als Zurückhaltung tarnte, erscheint aus heutiger Sicht außerordentlich attraktiv.
Bloß waren da nicht nur die Gerhard Richters, die hinter der nüchternen Sprache der Technik zu verschwinden schienen, so als hätte der Krieg nur ein paar leise Ingenieure übriggelassen. Künstler wie Günther Uecker, legten die Hand des Künstlers an den Hammer, und A.R. Penck, bezeichnete man noch im Nachruf als „malerisches Urviech“, „breitschultrig, bärtig und dickbäuchig“, wie eine deutsche Version von Picasso (Süddeutsche Zeitung). Auch über Georg Baselitz mussten nun Nachrufe geschrieben werden und könnte sich fragen, ob es Zufall war, dass so viele Figuren der westdeutschen Kunst wie die genannten Baselitz, Penck, Uecker und Richter eine ostdeutsche Migrationsgeschichte hatten. Alex Wissel hat das gerade zum Anlass für eine Serie neuer Zeichnungen genommen. „Manche Leute sind nur im Osten gut.“, zitiert er auf einer dieser den im Westen unvermeidlichen Joseph Beuys (Westkunst, 2026).
Das wäre der Moment, den Chauvinismus ins Spiel zu bringen, der vieles davon antrieb, was im Westen Geschichte schreiben wollte. Die Ambivalenz der wütenden Männer, die statt neoklassizistischer Zyklopen nun grazile Bungalows entwarfen. All die Verschiebungs- und Verdrängungsleistungen der Bonner Republik, die unter der friedensbewegten Heimeligkeit rumorten, oder im anti-amerikanischen Ressentiment, das der ehemalige SS-Panzergrenadier Günter Grass seiner Kulturnation vorturnte. Erst träumte man von Italien, dann von Europa und am Ende wollte man schon wieder besser sein als alle Anderen. Niemand wird gerne mit den eigenen Widersprüchen konfrontiert, auch weltoffene Weltmeister im Aufarbeiten nicht. Und so spuken sie einfach weiter durch die Gegenwart. Der Populismus, der jetzt mit nostalgischen Zerrbildern hausieren geht, ist keine Erfindung des Ostens und leider auch kein Alleinstellungsmerkmal der rechten Alternativen. Es gibt eine „Westalgie“, die sich hartnäckig weigert, die sozialen Verwerfungen der Gegenwart auch aus dieser heraus zu betrachten.
Ich verstehe den Reflex. Die Wiedervereinigung hat nicht nur dem Osten Verluste beschert und alte Gewissheiten ins Wanken gebracht. Aber jetzt ist 2026 und der Motor stottert, der Druck steigt, Amerika entfernt sich, irgendwas funktioniert mal wieder nicht, die Bahn kommt zu spät, der Lärmpegel digitaler Informationen steigt. Mit spürbarem Stolz verbuchte die westdeutsche Siegesgeschichte die Überwindung des Spießertums für sich. Heute vermissen sogar West-Hippies im Ruhestand ein bisschen vom früheren Arbeitsethos, von dieser verbissenen Liebe zum Detail und dem altmodischen Höflichkeitsgedöns. Aber nichts zu machen, Karstadt is over. Aus alten Feinden werden neue Widersprüche.
Als wir am 14. März die Ausstellung „Wände bauen“ eröffneten, starb eines der letzten westdeutschen Gewissen und Gewissheiten: Jürgen Habermas war weder Hippie noch Spießer, nicht mal Chauvinist. Doch auch sein Plädoyer für den kritischen Diskurs einer bürgerlichen Öffentlichkeit is over. Es steht zumindest massiv unter Druck. Vielleicht lohnt es sich, das ist der Ausgangspunkt dieser Ausstellung, sich sowohl die attraktiven und quasi-utopischen Ausreißer dieser eigenartigen BRD noch einmal anzusehen, wie auch die schiefe Selbstgerechtigkeit, die sie produzierte. Und das – wir befinden uns in einem 1981 in West-Germany gegründeten Kunstverein – durch die Brille der Kunst, die man nun der Einfachheit halber „zeitgenössisch“ nennt. Man nennt sie so, weil die Moderne angeblich vorbei ist oder – Stichwort „Westkunst“ – eine rein westliche Angelegenheit. Ich glaube beides ist falsch. Auch davon soll diese Ausstellung erzählen.
Steffen Zillig, Langenhagen Mai 2026
Ausstellung vom 7. Juni bis 12. Juli 2026 im Kunstverein Langenhagen mit Bildern und Objekten von François Joseph Chabrillat, Sophia Havanna Huth, Reinhard Mucha, A.R. Penck, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Jonas Roßmeißl, Arne Schmitt, Katharina Sieverding, Günther Uecker, Christoph Wiedemann, Alex Wissel und Viola Yeşiltaç.
Konzipiert hat Steffen Zillig die Gruppenausstellung in Zusammenarbeit mit seinen Künstlerkollegen Jonas Roßmeißl und Alex Wissel.
Zur Eröffnung am Samstag den 6. Juni 2026 (ab 17 Uhr) hält Florian Waldvogel, Kurator am Tiroler Landesmuseum, einen Vortrag zum historischen Aussstellungsprojekt Westkunst (1981) von László Glózer und Kasper König.